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Rhein, Montag
Mittelrhein - mit dem Schiff, dem Zug und zu Fuß
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  • Vor Jahrzehnten, vor etlichen Jahrzehnten, gab es schon mal einen Ausflug mit einem Bus. Damit fuhr man das Rheintal hinauf nach Bingen und auf einem der Ausflugsdampfer ging es zurück. Das war schön. Und seitdem haben manche Städtenamen einen besonderen Klang. Sinzig, Bad Breisig, Boppard, Bad Salzig, Bacharach. Den besonderen Klang haben sie ohnehin. Denn man sagt hier Sinßzisch oder BadBraaisisch. Und bei BadSalLlßzisch kommt zum sprachlichen Singsang noch das rheinische Zungenschlags-L£l hinzu.

    Es ging immer etwas Wind, der den Mief des Flusses verwehte. Oben auf dem Deck des Schaufelraddampfers standen wackelige Tische und unbequeme Stühle. Aber deren Qualität war unerheblich: Es ging ja nicht um das, was auf dem Schiff war, sondern um das Drumherum. Die Fotoapparate klickten und Wochen später gab es kleine Schwarzweiß-Bilder mit gezacktem Rand von den Burgen und Schlössern am und im Strom, den großen und kleinen Kähnen, der Loreley, von Weinbergen und Städtchen, der Moselmündung, den Tunnelportalen und von Anlegestellen.

    Die Großeltern wohnten früher am Niederrhein. Duisburg. Auf Besuch war dann Schiffegucken Programm. Es gab große und kleine Schiffe, Schlepper mit mehreren Kähnen am Seil hinter sich und dann hin und wieder einen der damals neuartigen Schubverbände. Es tuckerte und wummerte und blubberte und etwas später schlugen die Wellen ans Ufer.

    Später hab ich woanders gewohnt und noch woanders gearbeitet. Montags in der Früh ging es mit dem Zug los, freitagnachmittags zurück. Wenn man morgens oben auf der Höhe aus dem Wald kommt und es Sommer ist, dann ist die Zeit so, dass dann gerade die dicke, orangerote Sonne über dem Tal des Stromes steht. Oben ist es schon hell und die Vögel beginnen zu quieken, unten herrscht noch schwarzfahles Licht der bald beginnenden Dämmerung. Einmal in der Früh hält in der verschlafenen Kleinstadt mit Film-bekanntem Namen ein Euro-City. Er hat große Ziele, Wien und Budapest wird er später am Tag erreichen. Die nächste Etappe ist aber Andernach.

    Der kleine Ort schläft noch, noch nicht einmal der Bäcker hat geöffnet. Auf dem Bahnsteig in Richtung Bonn und Köln warten jene, die wohl gegen Sieben ihre Arbeit beginnen. Auf dem anderen, hier, parken die Anderen, die in München, Stuttgart oder Frankfurt die Woche verleben werden, ihre Rollkoffer und Reisetaschen. Ganz hinten auf dem Gleisfeld hat jemand die Diesellok angelassen, die nun müde wummert und später immer wieder nach Neuenahr, Ahrweiler, Ahrbrück und Altenahr fährt und wieder zurück und dabei dann von Berufspendlern, dann Schulkindern, dann Marktbesucherinnen, dann Rotweinwanderwegwanderern, dann Taschenbepackten, Schulkindern, Wandermüden, Feierabendlern und schlussendlich von Großstadtszenegängern (naja, Bonn ...) erwartet werden wird.

    Der Bahnsteig drüben ist nun leer. Der Nahverkehrszug zockelt bereits nach Norden.

    Der Triebfahrzeugführer des Euro-Citys muss genau zielen, damit der lange Zug an den Bahnsteig der Kleinstadt passt. Ganz vorn, fast schon am Signal, haben sich jene platziert, die regelmäßig fahren. Dort werden gleich die Wagen stehen, die auf dem Wagenstandanzeiger kryptisch markiert sind, weil sie an der Grenze zu Österreich abgehängt werden - Gelegenheitsreisende sind verunsichert und stellen sich deshalb weiter hinten auf. Vorn sind die Abteile meist noch leer. Den Rollkoffer auf die Ablage wuchten, Licht aus, Sitz ein wenig hervorziehen und dann kann man noch anderthalb Stunden dösen.

    Brohl bekommt man noch mit und ebenfalls den albernen Werbespruch: »Trink 'Brohler', dann wird's Dir wohler!« Ob es noch die Dreischienengleise gibt? Die Brohltalbahn, die von hier in die Eifel fährt, ist schmalspurig und die Bahnhofs-Gleise mit der zusätzlichen dritten Schiene konnten dann sowohl von normalspurigen als auch schmalspurigen Fahrzeugen benutzt werden.

    Der Rhein schläft auch noch. An manchen Tagen wabern Nebelschleier über den Wellen. Am Ufer gegenüber ist immer noch Nacht, die Seite liegt im Schatten der hohen Hänge liegt. Die Realität ist so kitschig, dass sie schon wieder schön ist.

    Jahre später, wir sind wieder umgezogen, werde ich die Strecke laufen. Nicht genau dieselbe Strecke, sondern drüben, auf der anderen Seite des Stromes, auch meist rheinaufwärts. Man beginnt in Bonn, da ist es noch angenehm flach und später klettert - naja, klettern -, also man steigt die Erhebungen des Gebietes mit dem prahlerischen Namen 'Siebengebirge' hinauf und hinunter. Im Tal, nah am Wasser, kleine Orte mit skurrilen, weil abstrus verwinkelten Gassen. Über manchmal schmale Pfade gelangt man auf die Höhen. Oen gibt es mitunter unverhofft einsame Wälder, des Öfteren Burgen, von denen es wieder hinunter in das Kerbtal des nächsten Baches geht, der dem Rhein entgegenplätschert.

    Je weiter man nach Süden kommt, desto steiler wird das Auf und Ab. Es gibt schlüpfrige Schotterpfade über verlassene Weinberge, im Frühling ist der Weg knatschweiß von den Apfelblütenblütenblättern, im Herbst knirschen Bucheckern unter den Schuhen; es mufft pilzig im Buchenwald und im Sommer wuseln in den Mauern der Hänge kleine Eidechsen.

    Hier, auf der anderen Seite des Rheines trödeln nur einige rote Nahverkehrszüge, die sich manchmal 'Express' nennen, zwischen den vielen Güterzügen, die vormals, vor der 'Krise' im Minutentakt durch das Tal rauschten. Wir kommen von Süden, die Verwandtschaft von Norden. Treffpunkt ist einer der Bahnhöfe, die durchweg schon so historisch sind, dass der Rost in wohl zentimeterdicken Schichten auf allem Metallenem ruht. Die einen von uns sind dann schon die fünf Minuten gefahren, die sie gleich an einem halben Tag zurückwandern werden.

    Vom Bahnhof aus kommt man fast immer am Kirchturm vorbei, Friedhof, Grundschule, dann halb ums Städtchen herum, danach leicht bergan durch Obstwiesen, Viehweiden oder Kleingärten. Auf Kirchturmspitzenhöhe sieht man rechts fern oben den Felsvorsprung, von dem aus wir bei der letzten Etappe die Flusswindungen haben blinken sehen. Links das Gemäuer der Burg, an der wir später vorbei kommen werden, gegenüber, auf der anderen Seite, im Wald, Apollinaris.

    Auf dem Weg krabbeln schwarze, braune, grüne, rote, gelbe Käfer, Schmetterlinge turnen am Waldrand und ein Eichelhäher teilt seine Befindlichkeit mit. An warmen, stillen Wegen lümmelt eine Blindschleiche an der Böschung. Am Pfad Blumen, nach deren Namen wir daheim nachschlagen werden. In einer kleinen Lichtung macht sich Waldmeister breit. Wo es dunkler ist, bilden die vielen kleinen Blüten des Bärlauches einen zarten Schleier über sattem Grün.

    Mittags werden, wie vor Jahrzehnten beim Klassenausflug, kalte Koteletts ausgewickelt, das hartgekochte Ei ist natürlich auch im Rucksack, der Apfel und gelegentlich Trinktütchen. Die waren damals zur Freude der Mathe-Lehrer viereckig, Tetraeder. Manchmal findet sich oben, auf einer Ley, eine Bank über dem Tal mit weitem Blick.

    Draußen klappert es. Das wird die Rheinbrücke hinter Mainz sein. Am Bahnhof am frankfurter Flughafen wird es unruhiger werden im Zug. Danach wird er am 'Sportfeld', inzwischen heißt die Station 'Stadion', über viele Weichen schlurfen. Dann noch eine Station mit der S-Bahn. Montagmorgen.