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Kleinstadt-SM
Sitzungssaal in Kleinstadt-Rathaus
  • • gestrandet
    • jenseits von Zeit und Raum
  • • Heimfahrt - vergangen
    • Schienenbus im Bergischen
  • • Toast, mit freier Sicht
    • Küche, vor Zeiten
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  • • keine Zeit
    • über Zeitverläufe. Bahnsteig.
  • Das Ergebnis der Kommunalwahl war seit einigen etlichen Tagen ausgezählt, der Stadtrat war zu seiner ersten Sitzung zusammengekommen und hatte, wie gewohnt, den, wenn auch etwas zerstreuten, aber gleichwohl lieben Opa Wirtz zum Bürgermeister gewählt. Damals gab es in der Kommunalverfassung von Nordrhein-Westfalen eine sehr konsequente Trennung von Parlament und Verwaltung. Vorsitzender des Stadtrates war der Bürgermeister, der von Amts wegen die Bürgerschaft repräsentierte und vor allem gesellschaftliche Aufgaben hatte - etwa so wie Bundespräsident und Bundestagspräsident in einem. Chef der Stadtverwaltung war der Stadtdirektor, ein Kommunalbeamter, der alle 12 Jahre vom Stadtrat gewählt wurde.

    In der ersten Sitzung des neu gewählten Stadtrates gab es allerlei Formales zu erledigen, die gewichtigen Figuren und Gestalten in den vorderen Reihen kannten das schon. In einer Satzung war zu regeln, wer das Sitzungsprotokoll wann unterschreibt, wie das mit dem Verdienstausfall gehandhabt wird und wieviel Ratsherren anwesend sein mussten, damit man beschlussfähig ist. Natürlich beschloss man stets abermals die Satzung, die auch in der vormaligen Wahlperiode gegolten hatte, es änderte sich ja auch nichts Wesentliches. Natürlich stand da seit Jahrzehnten, gewiss schon vor den Kriegen, 'Ratsherr' und natürlich galten die Regelungen auch stets für die Andersgeschlechtlichen - ist ja klar. Üblicherweise gab es nach der ersten Sitzung die Konstituierung des Rates mit leckerem Buffet und der Bürgermeister stiftete immer ein paar Fässchen. Natürlich war es umgekehrt: denn die 'Konstituierung' ist ja die erste Sitzung und darauf folgte das leckere Essen.Aer es klang besser, wenn man den geselligen Mampf mit dem eigenartigen, nur alle fünf Jahr einmal benutzten Wort benannte.

    Die Mama vom Notar fragte, ob sie etwas sagen dürfe. Natürlich durfte sie, denn schließlich war sie gerade in den Stadtrat gewählt worden. Notare wurden damals in Nordrhein-Westfalen öffentlich bestellt, in der Stadt gab es nur einen und der war es auf Lebenszeit. Also eine deutlich beständigere Institution als Pfarrer, Pastor oder Hausarzt.

    »Wieso steht in der Satzung nur etwas von 'Ratsherr'?«

    Der Notar, in derselben Fraktion wie seine Mama, stand auf, rückte den Stuhl zurecht, hub an zu reden und tat das auch und erklärte in etlichen Sätzen, dass die Leute im Stadtrat irgendwie heißen müssten und man habe sich halt entschlossen, sie 'Ratsherr' zu nennen.

    Das stimmte nicht ganz. Denn ausgedacht hatte sich das vor einiger Zeit der Stadtdirektor, als er die Satzung redigierte. 'Mitglieder des Stadtrates' klang so umständlich und profan, 'Abgeordnete' hätte nicht gepasst, 'Stadträte' wäre auch ungeschickt gewesen, weil in anderen Kommunalverfassungen die Dezernenten der Verwaltung so genannt werden. Er war auf 'Ratsherr' verfallen. Das war kurz und knapp und den Jungs im Stadtrat würde das gefallen. Und so war es auch.

    Der Herr Notar nahm wieder sitzende Haltung an und fingerte nach dem Holzhammer für das Pittermännchen.

    »Das versteh ich aber nicht!«

    Opa Wirtz stutzte und beugte sich zum Stadtdirektor hinüber: Was er denn jetzt machen solle, denn die pünktliche Konstituierung sei doch in Gefahr. Der Häuptling der Oppositionsfraktion zog das Protokoll des interfraktionellen Gespräches letzter Nacht zu Rate, um zu eruieren, ob man die innerfamiliären Zwistigkeiten vielleicht nutzen könne, den Vorsitz des Bau-Ausschusses, den man sich gegen das Aufsichtsrats-Mandat bei den Stadtwerken hatte abschwatzen lassen, vielleicht doch noch retten könne und machte auf der Rückseite des Bierdeckels eine neue Strichliste. Die Zweitsemester Lehramt wusste nicht, worum es geht, legte ihr Strickzeug zur Seite und wühlte in den Sitzungs-Unterlagen, stellte dann aber fest, dass sie statt derer die Flugblätter zur Begrünung des Stadtwaldes gegriffen hatte.

    »Ich bin kein Herr!«

    Das war eine einfache, schlichte und für alle Anwesenden im Wahrheitsgehalt leicht nachzuprüfende Aussage. Der Stadtdirektor schlug vor, die Satzung zu beschließen und man würde die redaktionellen Änderungen in 'Ratsherr und Ratsfrau' dann schon noch von Amts wegen machen. Der Fraktionsvorsitzende der Notarsfraktion stimmt sofort zu. Denn das würde die Gemüter beruhigen und außerdem war im Hinterzimmer seines Kiosks die Redaktion der Lokalseiten der Tageszeitung untergebracht. Es kannte sich also aus mit Redaktionellem.

    »Ich bin doch keine Ratsfrau!«

    Es klänge ja so wie 'Putzfrau' und die Männer würden sich ja auch nicht 'Ratsmann' nennen. Die Schwergewichte in den ersten Reihen schlugen die Augen zur Decke, weil sie diese vermalledeite Quotendiskussion befürchteten, die sie schon bei der Aufstellung der Reserveliste hatten über sich ergehen lassen müssen. Aber eigentlich passte das Thema überhaupt nicht zur stockkonservativen Beschwerdeführerin. Frau Dingensheimer-Gedönshausen, deren Antrag auf Einrichtung eines Gleichstellungsbeauftragten man vor anderthalb Jahren durch Verweisung in irgendeinen Ausschuss, der sowieso nie tagte, hatte durchfallen lassen, merkte auf und begann, ihre damalige Rede zu memorieren. Und sie tat das auch vernehmlich, begleitet durch ein allumfassendes Aufstöhnen im Saal. Dem Bürgermeister wurde langweilig und erhob sich.

    Man könne doch 'Dame' nehmen, 'Ratsdame' sei doch angemessen. Opa Wirtz freute sich über seinen Kompromissvorschlag und winkte dem Hausmeister, dass er den Vorhang zur Konstituierung aufziehen sollte.

    »DaAmmööÖÖhH??«

    »Ich bin doch keine DaAmmööÖÖhH!« Lautstarkes Entsetzen machte sich breit. Die Lehramtszweitsemester im Wallawallagewand, die sich gerade eine Kippe drehte, kicherte - wegen des spitzen Schreis der resoluten Dame und der Vorstellung, dass sie selbst damenhaft sein könnte. Der Bierdeckelstrichlistenersteller verschluckte sich fast an seinem Gebiss, weil der 'Damen'-Besuch im Anschluss an die letztjährige Ältestenratsitzung nicht ganz vertraulich geblieben war. Der Hausmeister stieß aus Schreck ein paar Gläser auf dem Konstituierungsbuffet um.

    »Einverstanden, also heißt es 'Ratsherrin',« erklärte kurzerhand der Stadtdirektor. Es war, erzählte er später, ein ob des absurden Geschehens spontaner Einfall. Frau Dingensheimer-Gedönshausen wollte argumentieren, dass es doch auch keine Damer oder Frauer gebe, aber der Notar stand schon am Pittermännchen und schwang den Hammer.

    Und so kommt es, dass seit vielen Jahren die resolute Mama Notar, die strumpfstrickende Lehramtsanwärterin und die Frau Dingensheimer-Gedönshausen als 'Herrinnen' im Stadtrat residieren und über Müllgebühren, Anliegerbeträge und Baumschutzsatzungen dominieren.