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  • Er habe dann mit dem Bömmel Muster in den Putz gemacht. Wir sahen, wie meist in den Abendstunden, auf die Lichter von Köln hinunter und S., der sein Geld als Putzer verdiente, hielt Verzällcher vom Bau. Auf der Station war es ruhig um diese Zeit. Am Ende des Ganges, einmal um die Ecke, war eine Art Aufenthaltsraum. Nächtens trafen sich dort die Schlaflosen und es wurd' die Schnüss geschwaahdt.

    Sie hätten den Putz angebracht und der Bauherr wollte darin ein besonderes Muster haben. Alles Mögliche hätten sie probiert, alles sei nicht recht gewesen. Irgendwann habe er die Faxen dicke gehabt und aus Frust mit seiner Bömmelmütze gegen den Putze geschlagen. »Das ist es!« der Bauherr war begeistert. Sie hätten dann mit dem Bömmel ein Muster in den feuchten Putz gehauen und er habe dann eine schöne neue Mütze bekommen. Kurze Geschichten waren gut.

    Opa T., der nun zum wiederholten Male in dieser Klinik war, nickte halt schon mal kurz ein. Er würde seinen Krebs wohl nie mehr los. Jetzt tröpfelt die Chemo in seinen Arm.

    Er war in Nordafrika in Gefangenschaft geraten und Zwangsarbeiter beim Bau einer Siedlung. Sie hätten geklaut und verschoben, die Häuser seien gewiss nach wenigen Jahren zerbröselt. Denn alles, was sich tauschen oder zu Geld machen ließ, hätten sie geklaut und unter's Volk gebracht. Er fuhr die Dampfwalze und in deren hohlen Rollen hätten sie alles Mögliche hin- und hergeschmuggelt. Sie mussten sich selbst versorgen, die Aufpasser hätten ja selbst auch nichts zum Essen gehabt.

    U. ist fertig und fummelt sich eine Selbstgedrehte zurecht. Er ist Arzt im Praktikum und hat sich gerade um einen Notfall gekümmert. Das Mädel sei vom Pferd und sehr heftig auf das Gesicht gefallen. Es werde wohl noch sehr lange Zeit dauern, bis man ihr einen Spiegel geben könne. T. schnarcht ein wenig.

    V. ist Spanier und hat das Zimmer auf der Ecke. Der Schlauch im Hals gehört zu einer Art Drainage, mit der wohl der Eiter aus seinem Hals abgeführt wird. Letzthin sei in dem Zimmer, das er jetzt habe, jemand gestorben, der da wochenlang geistig abwesend gesiecht habe. Das mache ihm nichts aus. T. kannte den auch, ich nicht, so lang bin ich noch nicht hier. Die Nachtschwester schnappt sich den Arzt wegen irgendeines Problems bei Irgendwem.

    Gestern war das Enkelchen von T. da. Die Schwester, die gerade mal nicht zwischen den Zimmern hetzen musste, krabbelte den Kleinen am Bauch und der gluckste und strampelte mit den Beinchen. »Ich auch mal!« bettelte S., aber sie ließ sich nicht erweichen. Nächste Woche ist wohl W. wieder da. Der wurde vor einem Jahr vom Auto mitgeschleift, auf dem Gesicht. Alles sei weg gewesen. Jetzt würde in vielen Operationen sein Gesicht wiederhergestellt. S. hatte monatelang oder jahrelang einen Abszess am Kiefer verschleppt und jetzt sollen ihm alle Zähne gezogen werden.

    Irgendwann sind die Themen ausgegangen in der Sitzecke. Da ist es gut, dass Frau T., die in einem großen Bekleidungsgeschäft arbeitet, ihren Mann besuchen kommt. Sie erzählt von ihren manchmal schrägen Erlebnissen mit schräger Kundschaft. Opa T. nickt dabei schon mal ein und sie wiederholt manchmal manche Begebenheiten. Das ist gut so, das eine wie das auch andere.

    K. trägt an einem auffälligen hellblauen Band eine kräftige Schere, die er in die Brusttasche gesteckt hat, und wird vom Praktikanten angeraunzt. Bei ihm, also K., nicht dem Praktikumsarzt, sind Ober- und Unterkiefer mit Draht zusammengebunden, so als eine Art Schiene. Bei Schluckproblemen kann das zu lebensgefährlichen Situationen führen. Damit dann jeder sieht, was los ist und auch helfen kann, muss die Drahtschere sehr auffällig getragen werden. Beim Aufschneiden würde dann wohl der Unterkiefer wieder auseinander fallen, aber er würde überleben.

    Es muss Sommer sein, am Horizont wird es in der Früh schon ein wenig heller. Die Klimaanlage rauscht monoton sommers wie winters. Die Nachtschwester ist heute allein auf den Stationen unterwegs und rennt schon wieder los. Verbotenerweise schnappen wir uns das Zeug, das in's Labor soll und tragen es dorthin. Dem Zombie mit dem Kopfverband und dickem Plastikschlauch durch die Nase in Begleitung des Brachial-Kieferpiercings und des Rollstuhl-Opas mit Tropf ist die Abwechslung recht. Bömmel kommt auch mit.