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  • »Wie isset?«

    »Et iss.«

    »Joo, man muss.«

    »Un' sonss'?«

    »Ha'tt Ihr die Zeidung irjensswo?«

    Der Köbes langt aus dem Beichtstuhl den 'Express'.

    »Watt sollls sein?«

    »Ha'tt Ihr'n Zupp?«

    »Han'mer.«

    Der Köbes macht einen Strich auf meinen Deckel und sich auf den Weg. Der Opa vertieft sich in große Buchstaben.

    Wenn es sich ergibt und Zeit ist, komm ich hierher. Die Stühle sind eher unbequem, die Tische schmal, das, was anderswo 'Service' genannt wird, ist aufgeschlossenruppig, das Essen, nun denn, es ist laut und das Bier wird im Flur gezapft. Drüben ein paar Studenten, daneben ein Knubbel dauergewellter Mittelalterlicher von ihrer Einkaufstour, dann zwei Anzugträger und Familie Schmitz. Man sagt, hier hießen alle Schmitz, weil das von den Ubiern käme. Dann werden sie wohl auch Schmitz heißen. Hatte ich die Pferde erwähnt?

    Der Köbes macht einen weiteren Strich auf meinen Deckel, nachdem er das leere Glas gegen ein volles getauscht hat. Der Opa schlürft seine Suppe. Er wohnt wohl nebenangegenüber. Früher war die Friesenstraße sehr verrufen und heruntergekommen. Vor Jahrzehnten wurde das Rotlicht ausgelagert, dann, so heißt es, bemächtigte sich der Versicherungskonzern, der nicht weit von hier residierte, des Viertels und so sieht es nun aus. Es gibt hier übrigens eine Straße mit meinem Namen.

    Auf seinem Rückweg nimmt der blaue Schürzenmann die Bestellungen auf. Auf der Speisekarte finden sich auch noch 'Halver Hahn' und 'Himmel un Ääd'. Das erste ist fleischlos und das zweite ein Mingmang aus Äppeln (Äpfel - 'Himmel) und E'är'pel (Erdäpfel vulgo Kartoffeln - 'Erde') mit gebackener Flönz. Ich nehm so ein Bratendings, deftig, ich glaub, ich bleib länger. Bei der Speisekarte steht, dass vor langer, langer Zeit hier im Haus eine Spedition war. Da, wo jetzt die Fassbank ist, klapperten die Pferdewagen durch. Die Räumlichkeiten seien damals ideal für eine Brauerei gewesen. 'Halver Hahn' ist ein Röggelchen mit Kies, also ein Roggenbrötchen mit holländer Käse.

    Den Deckel, jetzt hat er drei Striche, werde ich natürlich mitnehmen. Da, wo ich jetzt wohn, wird gegorener Apfelsaft als Wein bezeichnet. Deshalb nehm ich manchmal Reißaus. Manchmal geh ich beim Dicken Pitter vorbei. 'Flönz' ist die hiesige Bezeichnung für Blutwurst. So etwas mögen die Leute hier. Es gibt unter den Metzgern sogar Meisterschaften jener, die die Flönz besonders gut herzustellen vermögen. Drüben, auf der anderen Rheinseite, in Buchforst, wo es kulturell mingmangt, was aber nichts mit der Wurst zu tun hat, liegt in einer Seitenstraße auf einer Ecke eine kleine Metzgerei, wo es diese meisterlichen Qualitäten gibt. Und zur Bäckerei Zimmermann sollte ich auch noch mal. Damals erzählten sie uns, dass sie das Schwarzbrot auch exportieren - zum Beispiel nach Plöger, einem recht bekannten Feinkostladen an der frankfurter Fressgass. Plöger gibt es nicht mehr. Als das kölner Stadtarchiv einstürzte, kam der Lehrling, der hier arbeitete, der im Nachbarhaus zum Archiv wohnte, um's Leben.

    Pferde. Nein, nicht wegen des Sauerbratens. Der ist ja eigentlich, wenn er richtig ist, nicht sauer. Die dunkle dicke Soße, mit Rosinen, Mandeln, Lebkuchen und Rübenkraut, ist eher süßlich; aber in dieser Art bekommt man es nicht in einem Lokal. Die beiden Pferdeköpfe, die vorhin oben aus dem Haus ragten, gehen auf eine Sage zurück. In Kurzform: Ein recht begüteter Mitbürger war mit seiner Traumfrau, Richmodis, verheiratet. Sie starb bei einer Seuche und wurde bestattet mit herrlichstem Schmuck. Den wollten sich Grabräuber zu eigen machen. Allerdings erwachte die Dame, als sie den Sarg öffneten und die Fledderer flohen. Die Traumfrau gespensterte im Leichenhemd nach Hause und wurde dort vor der Tür ob des Schmuckes von der Magd erkannt. Diese ruft nach dem mittlerweise des Trübsinns verfallenen Hausherrn, der aber nur jammert: »Eher kommen meine beiden Rösser die Treppe hinauf, als dass vor der Tür meine noch lebendige Richmodis ist.« Woraufhin die Viecher sich auf den Weg nach oben machten. Und nun gucken sie immer noch, seit einigen hundert Jahren, dort oben aus dem Fenster.

    Der Köbes sorgt für Nachschub und einen gefüllten Mostertpott. Mostert, von französisch Moutarde, Senf. Der gehört hier hin wie die weißgescheuerten Tische. Vor Zeiten sollen sie mit feinem Rheinsand abgerieben worden sein. Meine Vorfahren erzählten, lange vor den Kriegen sei der Rheinsand sehr hell und sehr fein gewesen. Und man habe ihn gut zum Scheuern nutzen können. Sie erzählten auch von dem Reisekaiser.

    Der Opa ist schon lang weg. Da sitzen nun ein paar verirrte Touris, die versuchen 'Pils' zu bestellen. Der Köbes meint, dass es hier Pilze nicht einzeln und nur gebraten aus der Pfanne gebe und stellt ihnen richtiges Bier auf den Tisch. Die wundern sich über die Reagenzgläser. Naja, Witzchen gemacht. Der Köbes ordert zwei Schabau, die er gleich auf dem Rückweg mitnehmen wird. Früher öfter, hier immer noch, gibt es den Beichtstuhl. Ein Kabuff, blickgünstig gelegen zu Fassbank, Gastraum und Eingang, wo der Wirt residierte. Die Köbesse wurden mehr oder weniger nach umgesetzter Biermenge entlohnt. Und hier war halt die Kranz-Buchhaltung. Außerdem verwaltete der Wirt die teureren Angebote wie Schnaps (Schabau) und Zigarren. Das besagte Anreizsystem führt dazu, dass man hier nie auf dem Trockenen sitzt. Kranz heißt die kreisrunde Transportvorrichtung für die Stangen, also, die Gläser.

    Mit dickem Bleistift werden Ziffern auf den grünen Deckel notiert. Beim Dicken Pitter kommen wir gleich vorbei. Das ist eine gewaltige Glocke im Dom, die nur zu ganz bestimmten Tagen läutet. Man sagt, dass vor Jahrzehnten, als die Familie im Bergischen lebte, man an stillen Wintertagen, ihn bis dort, über 20 km entfernt, an bestimmten Stellen hören konnte.

    Der Reisekaiser ist nebenan zwischen Hauptbahnhof und Hohenzollernbrücke. Der Hauptbahnhof liegt ja fast direkt am Rhein und die Gleise führen mit einem extrem scharfen Knick auf die Brücke: Hoheit wollte nämlich, dass die Brückengleise direkt auf den Dom zuführen. Allerdings hat die Pfeife nicht daran gedacht, dass allenfalls der Lokführer dann den grandiosen Ausblick hätte. Hat er aber meist nicht, weil der nun notwendige sehr enge Gleisbogen zwischen der meistbefahrenen Bahnbrücke und Bahnhof mit den vielen Bahnsteigen eine bahnbetriebstechnische Katastrophe ist. An den Brückenköpfen sind Reiterstandbilder. Damals, als die Reiterstandbilder enthüllt wurden, sei es zum Eklat gekommen. Irgendein Witzbold habe dem Kaiser zuvor heimlich einen Koffer in die Hand gedrückt.

    Nun fahr ich heim.