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Heimfahrt - vergangen
Schienenbus im Bergischen
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  • Dort, wo der Einschnitt ist, dort fuhr einmal der 'Balkanexpress'. Der Name täuscht. Der Zug pendelte nur zwischen zwei Kreisstädten. Aber die gibt es auch nicht mehr. Es sind nun Stadteile ihrer früheren Nachbargemeinden. Vielleicht wurde er so genannt wegen der manchmal etwas rustikalen Betriebsführung.

    Meist fuhren da Schienenbusse. Dunkelrote, zweiachsige Gefährte, innen mit Sitzbänken ausgestattet, bezogen mit dunkelblauem Plastik, auf der einen Seite des Ganges zweisitzig, auf der anderen sollten drei Personen nebeneinander Platz finden. Die Rückenlehnen waren hin- und herklappbar, sodass man sich nach Belieben vorwärts oder rückwärts zur Fahrtrichtung setzen konnte.

    Beim Interieur herrschte Holztäfelung vor - naja - Sperrholz halt. An der Decke kleine knubbelige Glühlampen, die bei Dunkelheit für warmes Schummerlicht sorgten. An den Fenstern die damals üblichen Vorhänge, hellblau. Über den Fenstern unter'm Dach die einst gebräuchlichen 'Hutablagen'.

    Der Triebfahrzeugführer rückt an, ausgestattet mit zwei kleinen Metallhebeln, schließt das unter einem kleinen Holzrollladen verdeckte Steuerpult auf und lässt sich im Fahrersitz nieder. Vor ihm ein paar kreisrunde Instrumente mit trägen Zeigern und einigen Bakkelit-Schaltern. Der Messinghebel wird für die Gangschaltung gebraucht, der andere auf den Stutzen für die Bremse gesteckt.

    Eigentlich fehlt nur das Lenkrad. Aber das braucht man bei der Bahn ja nicht. Die Schienenbusse wurden nach dem Krieg, als viele Wagen der Eisenbahnen zerstört waren, in großen Mengen mit einfacher Straßenbus-Technologie konstruiert. Und verkehrten dann wider Erwarten noch viele Jahrzehnte auf vielen Nebenstrecken.

    Deutlich hörbar startet der Diesel. Der Schaffner läuft den Zug entlang. Oft verkehrte ein Motorwagen mit einem oder zwei Anhängern. Oder es fuhren gar zwei Motorwagen mit mehreren Beiwagen als langer Zug. Von Weitem sah das dann aus wie eine Elefantenherde, die im Zirkus Rüssel an Schwanz hintereinander herläuft.

    An den Wagenenden jeweils zu beiden Seiten gibt es Falttüren. Zum Öffnen ein Handgriff, oben ein Hebelchen, das man mit dem Daumen herunterdrückt und dann mit Kawumm einen Türflügel hineindrückt. Über einen sinnreichen Mechanismus faltet sich dann auch der andere Türflügel ein.

    Automatische Schließungen gibt es noch nicht. Die Türen sind nun alle zu, ein Blick Richtung Unterführung, ob da noch ein verspäteter Fahrgast heranhechtet, Pfiff, mit einem halblauten »feddisch« klimmt der Schaffner die Stufen herein, lässt sich auf dem Klappsitz neben dem Fahrer nieder und das Züglein rumpelt knatternd über das Gleisfeld aus dem Bahnhof. Nach dem ersten Anstieg kurvt es zwischen Obsthöfen, Feldern und Dörfern ins Bergische hinauf.

    Die Obstbäume blühen schon lang nicht mehr. Die wurden umgemacht, da ist nun Bauland. Vor Zeiten gab es noch eine Krautpatsche. Die Bauern brachten ihr Obst dort hin und es wurde Apfelkraut oder Saft hergestellt. Später stand die Sparkasse dort. Im Sommer, wenn es heiß war, konnte man während der Fahrt die Türen offen lassen. Fahrer oder Schaffner saßen eh' daneben und hatten ein Auge darauf, dass niemand hinaus fiel.

    »Bergisch Neukirchen«. Die Haltestellen wurden vom Schaffner ausgerufen. Lautsprecher gab es nicht im Zug. Aber damals waren die Bahnhofsschilder noch mit sehr großer Schrift versehen, dass man sie auch in der Vorbeifahrt noch lesen konnte. Ein paar wenige Leute steigen aus und ein. Der Schaffner ist draußen, zieht die Türen zu. Pfiff und tröööööt.

    Es braucht bei der Bahn für die Abfahrt zwei voneinander unabhängige Signale. Das eine ist der Pfiff und das andere war oft das Handzeichen mit der Kelle. Das geht hier aber nicht, weil der Fahrer nicht zur Bahnsteigseite hinausgucken kann. Also drückte der Schaffner an der Tür überkopf in einer Aussparung in der Decke einen Knopf, um zu tröööten.

    Es folgte eine Steilstrecke, die im Buchfahrplan mit der Zackenlinie markiert war und eine enge Kurve. Deshalb mit Anlauf und Schwung hinauf. Die gewaltigen 150 PS machten zumindest lautstarken Eindruck. Direkt nach der Kurve der kleine Haltepunkt »Grund«. Da musste der Fahrer sehr genau zielen, um passgenau anzukommen. Insbesondere bei der Talfahrt konnte es schon mal vorkommen, dass der Zug zurücksetzen musste.

    Der Haltepunkte lag mitten in Feldern, abgelegen von der nächsten Straße und von dort nur über einen Trampelpfad zwischen Bahndamm und Kuhwiese zu erreichen. Immer, wenn in der Lokalzeitung der Redakteur wechselte, erschien im Blättchen ein superlauniger Artikel über diese Kuriosität. Und immer, wenn die Bundesbahn, peinlich berührt, den schwach frequentierten Haltepunkt aus dem Fahrplan strich, veranstalteten die paar Leute aus dem Dörflein dort hinten großes Gedöns mit Unterschriftenlisten und Pipapo, sodass die Züge doch wieder da halten mussten.

    Die Strecke war nach dem Krieg nur eingleisig wiederaufgebaut worden. Eine sogenannte Hauptbahn und man munkelte wissend, es sei eine NATO-Strecke und deshalb würde sie nie und nimmer stillgelegt werden. »Pattscheid« war der nächste Bahnhof. Er hatte noch ein paar längst nicht mehr genutzte Gütergleise. Und an der Strecke zwei Weichen, sodass entgegenkommende Züge einander ausweichen konnten. Es gab ein Bahnhofsgebäude mit großem Güterschuppen nebst kleinem Anbau, von wo aus der Fahrdienstleiter die beiden Weichen und die Ein- und Ausfahrtsignale bewegen konnte. Der Schuppen wurde schon lange Jahre nicht mehr benutzt. Irgendwann wurden dann Wohnungen hineingebastelt.

    Die Bleche des Signals scheppern. Die Hälfte der Schüler hat die Wagen verlassen. Der Schaffner pfeift, klettert die Stufen hinauf, murmelt dem Fahrer wieder »feddisch« zu, langsam brummt der Zug vorwärts.

    »Zugestiegen?«. Ein feinsinniger Gebrauch der vielfältigen Ausdrucksmöglichkeit sogar wortarmer Sprache durch das Zugbegleitpersonal! Hätte er gesagt »Die Fahrkarten bitte«, dann hätte er seinem Ansinnen Ausdruck gegeben, alle Fahrkarten aller Fahrgäste sehen zu wollen. Eine höchst langweilige Angelegenheit, täglich dieselben Schülerjahreskarten anzugucken. »Zugestiegen« meint, dass sich bitteschön ausschließlich jene Leute bemerkbar machen, die bei den beiden vorherigen Stationen eingestiegen sind und keinen Fahrschein haben und alle anderen ihn bitteschön nicht aufhalten möchten. Die beiden vorherigen Haltestellen waren unbesetzt und Fahrkartenautomaten gab es noch nicht. Deshalb musste man im Zug die Fahrkarte 'nachlösen'. Lange braune Streifen aus Karton mit vielen Perforationen, auf denen Ein- und Ausstieg notiert und sodann ein Zangenabdruck auf- und ein Siegel hineingedrückt wurden. Das hielt auf. Deshalb war ein Zugbegleiter immer nur für höchstens zwei Wagen tätig. Wenn es ein langer Zug war, fuhren mehrere von ihnen mit. Dann trug der Zugführer, der 'Oberschaffner', eine rote Schärpe – das war dann der, der pfiff und trööötete.

    Oder manchmal sogar fuhr. In den letzten Jahren waren die Schienenbusse müde, manchmal tat es, wenn zwei Motorwagen im Zug waren, die Steuerung nicht recht. Den langen Zug mit einem Motorwagen den Berg hinauf zu schleppen, das ging nicht. Also setzte sich der Zugführer an das Steuerpult des hinteren Triebwagens und fuhr ihn nach Gefühl und Gehör synchron zum vorderen Triebwagen. Es ging nur mit Gefühl, eine Sprechverbindung gab es nicht und Handys waren noch nicht einmal erfunden. Es ruckelte ein wenig, aber man kam ans Ziel.

    »Kuckenberg«. Früher stand am Bahnsteig ein winziges Fachwerkhäuschen. In alten Chroniken ist zu lesen, dass da einst der Schrankenwärter mit Familie wohnte. Adam soll er geheißen haben. Zu Urgroßväter Zeiten wurde eine Straßenunterführung gebaut und Herrn Adams Arbeitsplatz verschwand. Das Häuslein wurde dann wohl vermietet. Da wohnte eine alte Frau, die am Bahnsteig einen schönen Bauerngarten unterhielt. Als die Schienen abgebaut wurden, verschwand auch die Brücke und das Häuschen und der Garten.

    Pfiff, tröööt. Manchmal stand eine Kuh auf den Gleisen. Die guckte sich die herannahenden roten Knubbel an, muhte und guckte. Lautstarkes Gepfeife des Zuges irritiere sie nicht. Die Viecher waren wohl alle taub. Natürlich half auch nicht das Zureden des Schaffners, auch nicht das Tätscheln hier und da. Erst als der Triebwagen sie vorsichtig anstuppste, trollte sie sich. Gemächlich. Es ging eh alles etwas geruhsamer. Anderntags hat sie noch mal geguckt, sie fand die Begebenheit wohl interessant. Die Nächste muss ich raus.