Schriftgröße    Hintergrund XX   Spaltenbreite    
radelnde Papageien
La Drôme
  • • Bildungsreise
    • Nürnberg Nähe Hauptmarkt, Cuba und Irland
  • • Aufderalsterstehen, Dauerbrenner, Geocaching
    • mystische Ziele
  • • Sonntags vormittags geschehen
    • jour de fête - auf deutsch
  • • radelnde Papageien
    • La Drôme
  • • Rondarunde
    • über Weltbilder und Rinder
  • • Rundgang
    • Balkan
  • • Rundreise
    • Skanderbeg-Platz in Tirana
  • Im Umkreis von einem Kilometer - mindestens - war er der einzige seiner Art. Das war sicher - vermutlich in noch sehr viel größerem Umkreis, davon konnte er ausgehen. Im Dorf unten sollen wohl nur noch vier Familien leben, zwei davon haben Hunde, aber größere. Die Farm, unterhalb, ist aufgegeben, wie andere auch in der Gegend.

    Also musste er gemeint sein. »Der Dackel an sich is' wehleidig.« hatte jemand festgestellt - und prompt gab das Dackeltier das aufmerksamkeitsheischende Humpeln auf. Es hätte sich ja einen Dorn in die Pfote treten können oder eine Hornisse hätte ihn dorthin pieksen können oder eine Eidechse ihn zwacken. Hätte. Hat aber nicht. Also kehrte es von seinem Gartenausflug ohne Theatralik zurück.

    Auf die Terrasse über dem Dörflein, das oberhalb des Talgrundes mit den beiden weit entfernten Höfen und der tausend Jahre alten Kirche liegt, brennt ein wenig die Sonne. Gegenüber, viel, viel weiter, hintereinander, fünf oder sechs oder sieben Hügelketten, deren Farben von der ersten bis zur letzten variieren von grün über blassgrün und blaugrün nach blassblau zu dunkelblau. Dazwischen gleißen schroffe, senkrechte Klippen. Morgens wechseln ihre Farben von kräftiggrau über knatschrot zu orange - zu dieser Zeit des Sonnenaufganges ziehen sich auch die Fledermäuse endgültig auf ihre Hängeplätze zurück.

    Die Klippen sind mitunter mehrere hundert Meter hoch. An den kleineren soll hin und wieder hier und da jemand Verwegenes hoch klettern. Einfacher ist es aber, sich ihnen über schmale Pfade, die gleichermaßen von Wanderern, Ziegen und allerlei Krabbelgetier genutzt werden, gemächlich ansteigend, zunächst entlang eines vertrockneten Baches, dann Viehtriften folgend und höher in vielen Windungen über steile Abhänge zu nähern. Erstgenannten begegnet man allenfalls etwa alle zwei bis drei Stunden einmal, den anderen öfters.

    Kleine, große, weiße, gelbe, blaue, rote, schwarzweiße, getigerte, gefuchste, gefleckte Schmetterlinge turnen über den Wiesen, vor den Füßen fliegen Heuschrecken mit roten und blauen Flügeln auf, Grillen zirpen, Eidechsen rennen die Steine 'rauf und 'runter, am Himmel kreisen große Vögel. Schlangenadler sollen gesehen worden sein. Bienen haben ihre Heimstatt im Weg hinter selbstgebohrten Löchern, Gemsen soll es geben, Murmeltiere auch, aber die Mücken waren offenbar ausgewandert. Die Gottesanbeterin hat eine kleine Eidechse in den Fängen.

    Die Wegemarkierungen sind genau da, wo man sie brauchen könnte, genau so gehalten, wie man es im üblichen Vorurteil in Südfrankreich erwarten würde. Auf der Wanderkarte haben die alle halbe Stunde am Weg liegenden Ruinen, manche Jahrzehnte, manche Jahrhunderte, manche Jahrtausend, alt, ungewöhnliche Namen - weil es uns spontan hierhin verschlagen hat, können wir es meist nicht einordnen. Die Gegend zählt gewiss zu den geschichtsträchtigsten in Europa, aber sie wird noch eine Weile vom Bildungsbürgertum verschont bleiben: Hier, wo die Straßen zu eng für Reisebusse, die Orte zu klein für komfortable Hotels und das rurale Ambiente so gar nicht zur Freizeitindustrie passt.

    In den Städten sieht man schon mal jene Gestalten, denen man unterstellen würde, dass sie zu Zeiten, da Südfrankreich Aussteiger-Mekka war, weder den kulturellen Sprung hierher noch später den Sprung ins Leben zurück geschafft haben. Was als Städtchen oder Stadt auf Karten markiert ist, sind Flecken von einigen hundert oder wenigen tausend Einwohnern, die recht weit auseinander in der Landschaft verstreut liegen. Es gibt wohl eine Regel, dass jede Ortschaft je hundert Einwohner einen Kreisverkehr aufweisen muss.

    In den Ortschaften wird mancherorts Vieles angenehm hergerichtet - gleichwohl wird es wohl so bleiben, dass in Saillans an der Hauptstraße das große Fenster zur Backstube offen steht, damit der Bäckergeselle, darin liegend, die Kunden, die im Verkaufsraum nebenan Baguette, Croissants, Pain au Chocolat und vieles anderes erstehen werden »Monsieur, 'dame« grüßt. In der Backstube wird offenkundig jahrzehntealte Handwerkstradition gepflegt, im Hausflur könnte man die Technik von Sicherungskästen seit Erfindung der Elektrizität erkunden.

    Hier ist sonntags Wochenmarkt. Wochenmärkte hat es wohl in jedem Flecken, manchmal zweimal wöchentlich. Geht man nicht die Hauptstraße entlang, sondern wendet man sich in eines der schmalen Gässchen zwischen den Häusern, ist man unversehens in einer Spitzweg-artigen Welt. Grob gepflasterte, verwinkelte Wege unter Bögen, die gewiss dafür sorgen, dass die Häuser sich weiter oben nicht aneinander reiben. Man geht durch dunkle Gewölbe, dann vorbei an winzigen Gärtchen und steilen Treppen, um unsichtbare Ecken herum und steht unversehens wieder im Hellen.

    Mittags sieht man in den Orten Touris aus nördlicheren Regionen; die Hiesigen machen Pause, Siesta. In Crest hat wohl nur einer der Bäcker geöffnet. Dort sind die Gewölbe über den Sträßchen die dunkelsten und die uralte Festung ist das bizarrste Hochhaus aus alten Zeiten, das wir je sahen. Allüberall zwischen den Häusern oberhalb der Griffhöhe abstrus-idyllische Ergebnisse der Flecht- und Knotenkunst aus dunklen Kabeln.

    An den Straßen im Ländlichen, wo sich auf Serpentinen radelnde Papageien aufwärts ächzen, Schilder, die auf die Jagd hinweisen. Und darauf, dass man das Pilzesammeln sein lassen solle. Die Dortigen erzählten, dass die Franzosen seit der Revolution versessen auf die Jagd seien. Pilzesammeln sei ohnehin nicht angeraten, weil man dabei schon mal aus Versehen vor eine Flinte gerate. An manchen Stellen hatte es eindrucksvolle Pilze mit gewaltigen Schirmen. Die, wie bei uns auch, quietschbunten Sport-(oder sich dafür gebenden)-Radler sind, wenn sie einen weißen Bart haben, wohl Niederländer, und wenn sie jünger sind, Franzosen und über viele Kilometer unterwegs auf schmalen Straßen, die gerade mal für ein Auto ausreichen und auf denen dennoch auch schon mal ein fetter Lastwagen entgegen kommt, in die Höhen gelangen.

    Abseits, auf den Pfaden, Spinnen, die sich maskieren wie Vierpunktmarienkäfer und Tausendfüßler mit fedrigen getigerten Beinen flitzen fast in Lichtgeschwindigkeit die Wände entlang. In der Schlucht, ein wenig hinter der Moulin de la Pipe, von der aus man zum höchsten Wasserfall der Gegend gelangen kann, wo das Wasser so klar ist, dass man seine Tiefe nicht abzuschätzen vermag, hat die Gervanne eine tiefe Schlucht gesägt. An einer Stelle kann man über einen vielfach gewundenen Weg die Steilwand entlang einen - gefühlten - Kilometer nach oben steigen und steht vor einem Hof, wo sich fette Wutzen im Schlamm suhlen. Vorgestern.

    Heute ist kein Abendrot - stattdessen zwei Regenbögen. Der dicke bunte Bogen fängt stets auf dem Dach des Hofes dort hinten an. Hier an diesem Ort hat der Regenbogen zumindest einen definierten Anfang. Noch mal alten Käse, dicke Oliven, magere Wurst (jene, mit den dicken Magerfettstückchen), helles Brot und roten Wein und dann fahren wir heim.