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  • Nebenan drückt jemand auf seinem Quetschebüggel. Vorn pladdert der Regen auf das Pflaster der Fußgängerzone, hinter mir verkrümeln sich ein paar Raucher im Eingang des Kaufhauses. Der ältere Herr hinter der Säule beherrscht sein Instrument. Es ist offenbar etwas marode, aber er spielt wacker und offenbar mit Lust - auch wenn ob des Regens keine Passanten mehr vorbeilaufen und niemand mehr Münzen in seinen Kasten wirft.

    Damals, vor Jahren, habe ich mich gekrempelt. Nachträglich. Am Weg zu den touristengeschwängerten Cliffs of Moher saß eine junge Frau und spielte Harfe. Das sah etwas ungewöhnlich aus, gleichwohl mochte ich das Spiel, aber ich dachte, es sei nur Touristenzeugs. Das hielt mich ab, eine der ausgelegten CDs zu erwerben. Viele Jahre später, in einem Feature auf 'arte' über Irland wurde genau diese Frau mit genau dieser Harfe an genau dieser Stelle als bekannte Künstlerin vorgestellt, die halt dort mit ihren Fingerübungen noch ein Zubrot verdiente. Seitdem ist's mir egal, ob es Touristenzeugs ist oder nicht. Wenn es mir gefällt, gefällt es mir eben.

    Vorhin war ich in dieser etwas eigenartigen Taverne. Vorn an der Hauswand ein mit blauem Pinsel versuchter Hinweis, der etwas von mediterranem Flair behauptet. Tatsächlich sind Essen und Interieur dort so, wie es in der Dorftaverne auf Kassandra war. Hier wie dort brutzelt der Wirt selbst zwischen den Bestellungen und dem Servieren hinter der Theke die üblichen Gerichte. Heute hat er Hilfe, vielleicht ist es sein Onkel. Die Tische sind mitunter ein wenig angestoßen, sie sind wohl mehrmals blau angepinselt worden. Auf der Bank, die aus einem Brett, das irgendwie an der Wand befestigt ist, besteht, liegen dünne Kissen mit Mustern wie man sie vielleicht auch auf griechischen Webteppichen finden würde. Manche Dinge muten ein wenig speckig an und die Speisekarte ist auf einem großen Schild notiert, das der Wirt jeweils herbeiträgt und vor dem Tisch platziert. Wenn es mich, selten, in diese Stadt verschlägt, komm ich hierher. Wohl eher aus neugieriger Sentimentalität. Inzwischen ist das Schild vielfach übermalt und nachgebessert. Der Onkel bringt mir einen Ouzo.

    Auf seinem Instrumentenkasten hat der Musikant »Grüße aus Weissrussland« notiert. Es hört sich gut an, was und wie er spielt und ich sehe ein paar selbstgestrickte CDs in dem Kasten. Er ist völlig perplex, als ich mich dafür interessiere. Es sind drei verschiedene, die er wohl mit seinem Freund fabriziert hat. Und damit ich weiss, was da zu hören ist, spielt er jedes Stück, das sie aufgenommen haben, an. Das kann er richtig gut, ich find das klasse. Der Regen rauscht hinter mir, ihm ist es peinlich, dass sein altersschwaches Instrument nicht zu seiner Kunst passt. Mir auch. Natürlich kaufe ich ihm eine ab. Später werden im Hotelzimmer schnulzige Weisen aus einem Notebook-Lautsprecher scheppern.

    Die CD von Carmencita liegt nicht oft im CD-Player. Sie saß in Cienfuegos in einer alten, in jüngster Vergangenheit wieder hergerichteten Villa an einem leicht verstimmten Klavier und schmetterte mit markanter Stimme mitreissende Lieder. Es hallte etwas im Flur und die ganze Szene hatte etwas Surrealistisches. Aber die Musik, von der ich ganz und gar keine Ahnung hab, war schon bemerkenswert und einzigartig. In Camagüey, der Stadt, deren Gassen noch verwinkeltvertrackter sind als die von Venedig, sind wir einige Tage später abends in das Casa de la Trova gegangen. Haben unseren Tribut entrichtet – auch, wenn es ein Touripreis war, war es billig. An diesem Abend gab es ein Baseball-Spiel im Fernsehen, deshalb waren wir fast die einzigen Gäste. Nach und nach schlappten die Musiker mit ihren Instrumenten herbei, je nach Alter die Freundinnen oder die Enkel im Schlepp, und bauten sich cool und lässig vorn auf. Zwischendurch hechteten sie durch die (leeren) Stuhlreihen nach hinten, um den Spielverlauf mitzubekommen. Und dann präsentierte das Dutzend Hobbydorfmusiker einen begeisternden konzertanten Auftritt. Die Zusammensetzung der Band war wohl eher zufällig. Egal. Am besten gefiel mir der Senior der Runde, der mit seiner Querflöte all dem noch ein Glanzlicht aufsetzte. Carmencita warf mir damals noch einen feurigen Augenaufschlag zu, säuselte etwas von 'junger Mann' und hinterließ ihren Lippenabdruck auf der CD. Deshalb wird sie auch sehr gehütet. Carmencita war damals schon betagt. Sollte ich noch einmal nach Kuba kommen, werde ich sie vermissen.

    Der griechische Salat in der Taverne in der fränkischen Großstadt ist, nun ja, halt so, wie in einer griechischen Dorfkneipe. Der eingelegte Schafskäse ist gut. Heute war es heiß, der Onkel bringt das zweite Bier und griemelt ein deutsch-griechisches Witzchen. Das Brot im Korb ist angeröstet. Draußen fangen die anderen Gäste an, die Tische und Stühle unter die Schirme zu rücken. Es hat geblitzt und entfernt ist Donner zu hören.

    In Donegal war es damals auch heiß, als wir uns in die Kellerkneipe retteten. Wir waren in diesem weltberühmten Bekleidungsgeschäft und ich hatte, weil mir unverhofft danach war, einen Siegfried-Hut erstanden. Siegfried - der rothaarige Tierarzt aus der englischen Fernsehserie, der mit seinem leichtlebigen Bruder, dem peniblen Kompagnon und Mrs. Hall in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts allerlei Skurriles und Banales erlebte. Auf dem Gehweg stand ein Lautsprecher, aus dem Livemusik tönte. Um die Ecke, durch einen Gang, eine enge Treppe hinunter. Am Eingang entrichtete man seinen Obolus in einen Pappkarton. Vorn sang ein Gitarrist mit knarziger Stimme das, was man daheim Volksmusik nennen würde. Der Keller war voll mit Iren, die offenkundig sämtliche Lieder und noch mehr kannten und das auch propper unter Beweis stellten. Die eigenartigen Dinge, die sie mit dem Bier vor dem Verzehr anstellen, ignorierten wir. Oma und Opa sangen lautstark mit wie auch die jungen Leute in der Ecke und der Herr im Anzug. Alle hatten einen Heidenspaß, auch ein Kanon war dabei. Der Gitarrenmann stellte dann noch Joe vor. Der komme aus Amerika und sei zufällig hier und natürlich könne er gern mitspielen. Jetzt bosselt auch Joe auf seinem Banjo irischen Folk.

    Es hat angefangen zu regnen, ich mampfe am Bifteki. Der Onkel winkt den Gästen nach – kali nichta. Den Joghurt werde ich nicht mehr bestellen, bin gut satt. Und werde wohl gleich nass werden. Das habe ich mir nun selbst eingebrockt, die Wettervorhersage war ja eindeutig.

    Morgen Mittag werde ich nach dem älteren Herrn mit der Quetsch Ausschau halten. Vergeblich. Ich muss abreisen.