Schriftgröße    Hintergrund XX   Spaltenbreite    
heiße Reisen
Drachenfels, Madeira, Santiago
  • • Rhein, Montag
    • Mittelrhein - mit dem Schiff, dem Zug und zu Fuß
  • • Heimfahrt - neu
    • cooles S-Bahn-Geschehen
  • • Arbeitsmänners Maaalzeit und gesumpfte Mailboxen
    • grußgeformelt
  • • von Schranzen, Olmen und Bohnen /1
    • Minikosmos. Innenlandschaft.
  • • von Schranzen, Olmen und Bohnen /2
    • Minikosmos. Beziehungskiste
  • • heiße Reisen
    • Drachenfels, Madeira, Santiago
  • • Rennschnecke
    • Nachtschnellzüge, Bahnpost, Kursbuch
  • Das war ein mörderischer Berg! Es war knallig heiß, wir hatten schon einige Höhen erklommen und jetzt zog es in den Beinen. Es wäre der höchste Gipfel, heißt es. Also - seit vielen Jahrzehnten sagt man, es wäre der höchste Gipfel der Niederlande. Weil an Wochenenden hier die Autos mit den gelben Nummernschildern überwiegen. Natürlich hat der mörderische Berg auch einen dramatischen Namen. Drachenfels.

    Es wirkt unwirklich, wenn man nach Jahrzehnten an bekannte Orte zurückkehrt. Früher war das hier hin und wieder Ziel von Schulausflügen oder Wandertagen und nun scheinen manche Andenkenbuden noch immer exakt dasselbe Sortiment zu führen wie damals. Auch das bereits damals schon nostalgische Holzauto, Bestandteil eines noch nostalgischeren Fahrsimulators, steht noch da. Seltsam ist das. Meine Vorfahren, noch sehr viel länger her, hatten eine Pension in Mehlem. Das ist gegenüber auf der anderen Rheinseite. 'Villa Elise' soll sie geheißen haben. Und deshalb kannte die Großmutter alle Gipfel des Gebirges, also des Siebengebirges, auswendig. Weder ist es das, was man unter einem Gebirge versteht, noch sind es 7 Gipfel - aber das ist unwichtig. Damals, vor den Kriegen, kamen die besseren Leute, viele Engländer, in die Rheinische Bucht, des guten Klimas wegen. Ölberg, Lohrberg, Löwenburg, Nonnenstromberg, Petersberg, Wolkenburg, Drachenfels; Ennert, Rabenlay, Ofenkaul, Breiberg, Fritscheshardt.

    -

    Es gibt Gegenden auf der Erde, da ist das Ziel ganz nah, aber man braucht mehrere Ewigkeiten, dort hin zu kommen. Gefühlte Ewigkeiten, die in Wirklichkeit vielleicht nur ein paar Stunden dauern. Auf schmalen Pfaden, an denen manchmal rechts, einige hundert Meter tiefer, das Meer blinkt und es links stets steilst etliche hundert Meter in die Höhe reißt, kommt man selbst hurtigen Schrittes nicht vom Fleck. Die Sonne knallt und immer mal wieder erscheint das Ziel zum Greifen nah.

    Die Küsten der Insel, die fast senkrecht aus dem Meer zu stürzen scheinen, wirken bis zu tausend Meter hoch und haben teils die Gestalt eines gewaltigen Faltenrockes. Man läuft hoch über dem Meer quer zu den Falten, einige hundert Meter eine Falte hinein und wieder hinaus und immer, wenn man draußen ist, sieht man auf dem Falz einer hinteren Falte das Ziel. Es hilft nicht viel, dass neben dem schmalen Weglein einer der kleinen Kanäle verläuft, die vor Jahrhunderten angelegt wurden, um den trockenen Süden der Insel mit dem Wasser aus dem Norden zu versorgen. Levadas.

    Herr P., der rundliche Taxifahrer aus dem Nachbardorf, der vor nicht langer Zeit auch in New York chauffierte, kennt jede unübersichtliche Spitzkehre und jede Steilstrecke und jede Wolke persönlich. Denn er brettert traumhaft sicher den Berg hinauf. Mit gleichem Tempo kommen drei dunkle Wagen entgegen. Das sei der hiesige Gouverneur, der eröffne heute einen Kindergarten. Man kennt sich wohl auf dem Eiland. Gestartet sind wir gerade, morgens, in heißer Sonne, jetzt umgibt uns kühler Nebel und Nieselregen. Senor P. hat in zehn Minuten tief unten seinen nächsten Fahrgast und ist davongebraust. Er wird uns, nachdem wir, vorbei an gewaltigen Wasserfällen, durch stockschwarze Tunnel, über wohl nur zentimeterbreite Pfade hinweg und etliche Treppenstufen hinunter und durch dunkle und helle Wälder uns wieder hinuntergeschlängelt haben, heute Nachmittag am Gartenzaun, wo er ein Schwätzchen mit seinem Nachbarn hält, freundlich grinsend grüßen.

    -

    Der Boden ist hell, die Hauswände weiß, es ist wolkenlos, die Hiesigen haben sich schon vor einiger Zeit in ihre Häuser zurückgezogen, die meisten Touris haben sich eine Bar mit Ventilator gesucht, die Sonne knallt. Wir haben uns abgesetzt. Waren in dem Museum vorhin fast die einzigen Besucher. Die Aufsicht dort, die ebenso wenig Deutsch spricht wie wir Spanisch, hat uns eine kleine Privatführung zu Historischem, Skurrilem, Interessantem spendiert. Wie etwa eine Ganzkörperdusche, die sich da jemand von hundert Jahren hatte bauen lassen. Vor diesem Jemand lebten hier in dem Anwesen Sklavenhändler und andere merkwürdige kapitalschwere Gestalten.

    Ob wir denn mal schauen wollten. Der rundliche dunkle Herr im weißen Wallawalla-Gewand lädt uns ein. Es gibt dieserorts allerlei Sekten. Hier, in diesem Haus hier, steht eine Meeresgestalt im Mittelpunkt des Interesses. Heute Abend sei hier viel los und wir sollten unbedingt kommen. Staunend sehen wir jede Menge Torten mit viel Creme-Zeug in der prallen Sonne - gleichwohl behalten sie ihre Form. Sie sind nachgemacht aus Zucker, aber das würde die Gottheit nicht stören. Wenn es dunkel geworden ist, werde es aber gutes Essen geben, sagt er und drückt uns noch ein paar Früchte, von denen ich keine kenne, in die Hand. Abends wollen wir wieder hier sein.

    Die breite hohe Treppe neben der Kirche ist - natürlich - menschenleer. Weiter oben ist eine Art Musikalienhandlung. Die Verkäuferinnen haben nicht viel zu tun und spielen sehr, sehr gern jede CD ausführlich an. Natürlich können sie ebenso gut tanzen und singen wie die Leute auf den CD und stellen das unter Beweis.

    Heute Abend werden in Santiago die Straßen voll sein. Beim kleinen Tempel (ob das so heißt?) ist großes Gedränge. Kein Durchkommen. Auf der großen breiten Treppe auch nicht. Da haben sich viele Musiker ein- und offenbar eher spontan zusammengefunden und machen begeisternde Musik. Hunderte tanzen und haben Spaß. Es ist heiß in Santiago, hier auch nachts.